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Über Bachs H-moll-Messe
Johann Sebastian Bach, vor 250 Jahren gestorben, ist ein Komponist des Übergangs. Tradition und Fortschritt markieren die extremen Positionen im
Leben dieses Komponisten, der gedanklich ein Kosmopolit war, wenn er auch wenig in der weiten Welt herumkam, der nicht wie Händel im Glanz lebte und in seiner Heimat weniger geachtet wurde als
Reinhard Keiser, der wiederum heute ein Fall für Spezialisten ist. Bach, der die Pole weltlich (Brandenburgische Konzerte) und geistlich (Passionen) kannte und keineswegs davor zurückschreckte, sie
im Parodieverfahren miteinander zu vereinen, war ein Vollender der Barockmusik und schaute weit über seine Zeit hinaus, wenn man seine „Kunst der Fuge als Gedankenmusik begreift. Bach war
protestantischen Glaubens, ein Lutheraner, dessen Kantaten Sonntag für Sonntag in Leipzig die Gottesdienste bereicherten, und der mit seiner Musik ein ganz eigenes Gotteslob lieferte.
Wie die „Kunst der Fuge ist die Messe h-moll das Ausnahmewerk eines Ausnahmemusikers. Sie hat im Text durchaus lutherische Wendungen und gehört
nicht in den strengen Rahmen der katholischen Liturgie; sie ist zwischen den Konfessionen überkonfessionell und schon allein deshalb kühn. Sie bietet mit 24 Chören, Arien und Duetten eine Fülle an
Kunstfertigkeit, wie man sie auch in Beethovens „Missa solemnis findet. Ihre emotionale Tiefe ist ebenso ungewöhnlich wie ihre Form, die von der Tradition abweicht. Wo sonst fünf Messteile (Kyrie,
Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei) vereint sind, gibt es nun eine Vierteiligkeit bei abgewandelter Untergliederung:
1.Missa (Kyrie und Gloria) 2.Symbolum Nicenum (Credo) 3.Sanctus 4.Osanna, Benedictus, Agnus Dei, Dona nobis pacem
Die Messe weist eine lange Entstehungsgeschichte auf. Bereits 1724 schrieb Bach ein Sanctus. Kyrie und Gloria entstanden 1733. Man könnte
vermuten, daß eingedenk des Entstehungsjahres dieses Kyrie dem verstorbenen Herrscher Friedrich August I. (dem „Starken) und das Gloria dem neuen Herrscher Friedrich August II. zugedacht waren. Dass
Bach beide Teile als „Missa bezeichnete, ist im Sinne des protestantschen Gottesdienstes, wo diese beiden Teile als „Messa brevis (kurze Messe) eingeführt waren. Erst kurz vor seinem Tod erweiterte
Bach das Vorhandene zur großen Messe, wobei er auf frühere Kompositionen, nämlich Kantatensätze, zurückgreift. Trotz dieser heterogenen Elemente wächst alles organisch zusammen.
Anders als in den bedeutenden Oratorien nach Johannes und Matthäus fehlen in diesem Werk Rezitative. Arien und Chorsätze fügen sich aneinander,
wobei die Kontrapunktik zum wesentlichen Gestaltungsmittel wird und den Chor in eine komplexe und fordernde Vielstimmigkeit führt. Die Ausdruckskraft wird besonders da innig, wo Bezug zu Jesus
entsteht. Oft erscheint die Messe in majestätischem Glanz.
Wie Bach den Text sinnstiftend aufgliedert, demonstriert das Credo beispielhaft, das in acht Teilen vertont ist. Dazu gehört das Crucifixus, in
dem Bach Leid und Schmerz mit den Mitteln der gesteigerten Chromatik ausdrückt, bei der Töne sich aneinander reiben; die Lamentofigur wird hier zum Basso ostinato, der sich 13 Mal wiederholt und das
Grundgerüst liefert. Dieses Credo bietet sich an, auch Bachs Zahlensymbolik beispielhaft zu erläutern: Das Wort „credo erscheint 49 Mal (7 mal 7, heilige Zahl), das „in unum Deum 84 Mal (7 mal 12, 12
steht für die Apostel), die Fuge „Patrem omnipotentem besteht aus 84 Takten (was Bach am Rande der Partitur extra vermerkt), das „Et incarnatus est erklingt 19 Mal (7+12, Heiliger Geist und
Menschlichkeit Mariens), im „Crucifixus stehen zwölf Akkorde (Apostel) über dem 24 Noten zählenden Bass. Die Zahlensymbolik ist Schlüssel zu vielen Werken Bachs.
Ältere Formen wie der Gregorianische Choral oder die Kirchentonarten stehen neben neuen Stilmitteln wie der italienischen Koloraturarie. Alles
vereint sich zu einer Musik, die zweifellos ein grandioses Gotteslob ist, aber auch – wie in der „Kunst der Fuge – ein riesiges Kompendium, das die Kräfte bündelt und gerade in der
Verwendung der Polyphonie wiederum Zukunftsmusik ist. Die Empfindsamkeit wird fortführen von dieser alten Kunst, Beethoven wird sie in seinem Spätwerk als verbindende Kraft wiederentdecken.
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